Automatisch für die Menschen

Hätte man Pol Pot einen Legokasten gegeben und ihn gebeten, etwas Nützliches zu bauen, wäre eine Selbstbedienungskasse dabei herausgekommen. Selten wurden Design und Ergonomie bei der Konstruktion einer Maschine so sehr mit Füßen getreten, wie bei diesen Anti-Service-Minen. Hat König Kunde nicht einen charmanteren Abschluss seines Einkaufs verdient, als sich von einer kafkaesken Struktur die EC-Karte aussaugen zu lassen?
Da ich mich als gelernter Sexist grundsätzlich an der Kasse mit der hübschesten Kassiererin anstelle, hatte ich diese Art der erniedrigenden Selbstverbuchung immer Anderen überlassen. Genüsslich konnte ich aus meiner Warteschlange heraus beobachten, wie neunmalkluge Ingenieurtypen an unterschiedlichen Displays und mehrfach vorhandenen Ein- und Ausgabeschlitzen verzweifelten. Auf diese Weise lernte ich, dass nicht jeder moderne Screen zum Touchen ist und die Kreditkarte nicht mit Gewalt in den Quittungsdrucker gestopft werden darf.
Allerdings hatte die klammheimliche Freude über das Versagen meiner Mitmenschen mir mit der Zeit schlechtes Karma beschert, was dazu führte, dass ich jüngst selbst an einer solchen Kasse landete. In meinem örtlichen Elektromarkt, der mit dem Werbeslogan »Geiz frisst kleine Kinder« von sich reden gemacht hatte und sämtliche Produkte völlig überteuert verkaufte, hatte ich mich mit einem tonnenschweren Paket an die SB-Kasse geflüchtet, nachdem ich die Frau an der einzigen Menschenkasse als alt und missmutig eingestuft hatte. Ich machte das an ihren schmalen, krausen Lippen fest und an der kantigen Bürstenfrisur, die garantiert nicht daher rührte, dass sie lesbisch war oder kürzlich eine Chemotherapie durchlitten hatte, was beides meine bedingungslose Solidarität zur Folge gehabt hätte. Nein, diese Frau war durch die räumliche Nähe zu einer seelenlosen Selbstbedienungskasse in Kombination mit zitternden Rentnern, die jeden Betrag mit passendem Kleingeld bezahlen wollen, zu tiefst verbittert. Mit ihrem bösen Blick im Rücken wuchtete ich meinen zukünftigen Laserdrucker auf die SB-Kasse mit dem beunruhigenden Aufdruck “Automatisch für die Menschen” und drehte den Karton mühsam herum, um den Barcode dem Scannerfenster entsprechend auszurichten. Doch es ertönte kein bestätigendes Piepen, und auch der Laser wechselte nicht die Farbe zu erlösendem Grün. Ich ruckelte das Paket hin, schob es her, ohne Erfolg. Die Hexe hinter mir hatte keine Kundschaft und tat sich an meinem Scheitern gütlich. Ich schwitzte. Ich reinigte die Glasscheibe des Scanners mit einem speichelgetränkten Taschentuch. Ich entdeckte einen Handscanner, mit dem ich am Karton herumfuchtelte wie Catweazle vor einer elektrischen Glühbirne. Ich hämmerte gegen den Bildschirm, stopfte meine EC-Karte in den Druckerschacht und trat schließlich gegen den Kassenschrank, dass es laut schepperte.


Das war das Stichwort für die Kassensoldatin hinter mir, die plötzlich neben mir stand und das schwere Paket geschickt um alle drei Achsen drehte, bis sie einen Aufkleber mit einem weiteren, völlig anderen Barcode fand, der anstandslos vom Scanner akzeptiert wurde. Ich suchte während dessen ihren Kopf nach Leuchtdioden ab, weil ich sie mittlerweile für eine Androidin hielt. Sie reichte mir den Bon und meine EC-Karte und gab mir mit hochgezogenen Brauen zu verstehen, dass sie mich für einen Idioten hielt. Ich rächte mich für die Demütigung, indem ich auf die Kasse sprang und laut ausrief: »Wo sind die hübschen Azubinen, die mir ein unvergessliches Einkaufserlebnis bescheren, wie es die bunten Zeitungsbeilagen immer verheißen?« Da öffnete sich am Ende der Halle eine Tür und ein halbes Dutzend junger Damen rief »Hier! Hier sind wir, aber wir können uns nicht um sie kümmern, weil wir Barcode-Labels drucken müssen!« Woraufhin der Filialleiter sie energisch zurückdrängte und die Tür mehrfach verschloss. Leute starrten mich an. Die Androidenkassiererin kniete auf dem Boden und sammelte Kleingeld ein, das einem Rentner heruntergefallen war. Ich machte die Kasse für einen Teenager frei, der pragmatisch einen Stapel Computerspiele über den Scanner zog und mit dem ganzen Bezahlvorgang fertig war, noch bevor ich mein Paket geschultert hatte. Dem Jungen mangelte es offensichtlich noch an ästhetischem Empfinden.

2 Kommentare
  1. RF Meyer sagt:

    Hübsche Kassiererinnen?
    Schön wär’s.
    Im Bio-Markt ist eine – über ihr Aussehen rede ich nicht, schaue nicht hin, zu meinem Vorteil -, die so faul ist, daß sie noch nicht mal die Ware weiterschiebt, sondern dies dem Kunden überläßt. Und sie ist kein Automat, sondern griesgrämiges Menschenwesen.
    Bedeutet dies, daß wir uns dem Automatendasein annähern? Data war netter.

  2. Kassberger sagt:

    Wie viele Ein- und Ausgabeschlitze haben denn Androidinnen und Androiden?

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