Der Nebel hing derart dicht in der Wohnung meines Bruders, dass ich sie nur an der Wasserpfeife auf der Flurkommode erkannte. Das Licht der Deckenlampe verlor sich im Niemandsland zwischen Milliarden Wassermolekülen. Ich streckte die Arme aus und tastete mich an nassen Wänden entlang. Ich trat auf etwas Weiches, meine Füße verfingen sich in Kleidungsstücken. Es war kalt. Es stank. Jeder Atemzug trug einen fauligen Geschmack auf meine Zunge. Ich wollte raus, zurück in den unwirtlichen Novemberabend. Da hörte ich Svens Stimme. Mein Bruder sang ein Kirchenlied. Mir wurde übel. Ich nahm ein T-Shirt vom Boden, um es mir gegen den Gestank vor die Nase zu drücken, doch es triefte vor Nässe. Ich ließ es wieder fallen. Am Boden nahm ich eine Bewegung wahr. Etwas kam auf mich zu gekrochen. Mein Magen krampfte, ich fröstelte. Ich wich zurück, dorthin, wo ich die Küche vermutete. Mit einem Messer in der Hand hätte ich mich wohler gefühlt. Ich drehte mich um, orientierungslos, wusste nicht mehr, ob ich vorwärts oder rückwärts ging. Zu meinen Füßen keuchte es. Ich machte einen schnellen Schritt nach links, doch von dort flog etwas Großes, Dunkles auf mich zu. Ein Space-Shuttle explodierte, ein Baum wurde gefällt, ein Türrahmen brach meine Nase. Ich hatte die Küche verfehlt. Blut lief mir in den Rachen. Warmes, echtes Blut. Mein Bruder stimmte ein Ave Maria an. Ich wollte ihn rufen, durfte aber das Ding am Boden nicht weiter auf mich aufmerksam machen. Woher, zum Teufel, kannte Sven diesen Text? Wir sind Protestanten. Ich drückte den Rücken gegen die Wand, mein Hemd legte sich klamm auf meine Haut. Meine Zähne begannen zu klappern. Als ich zehn war, war ich mal mit einem anderen Jungen im Zoo, als über Lautsprecher bekannt gegeben wurde, dass einige Affen entwichen waren. Alle Leute sollten sich zu einem Sammelpunkt am Eingang begeben. Auf dem Weg dorthin blieben wir an einem verlassenen Verkaufsstand hängen und stopften uns mit Süßigkeiten voll. Plötzlich hockte ein Gorilla vor uns. Er war etwa doppelt so hoch wie wir und viermal breiter und fixierte uns ruhigen Auges. Damals fingen mir auch die Kiefer zu klappern an. Das geschieht völlig unwillkürlich, man kann nicht damit aufhören. Ich weiß noch, dass ich dachte, »das ist ja wie im Comic mit dem Zähneklappern«. Der Gorilla legte die Stirn in Falten, dann nahm er mir unendlich langsam und vorsichtig die Zuckerwatte aus der Hand und ging weg. Ich rutsche am Türrahmen entlang und stolperte in die stockfinstere Küche. Der Nebel war noch dichter als im Flur, der Gestank unerträglich. Zum Glück schwoll meine Nase zu. Dieses Mal hatte ich es nicht mit einem gutmütigen Primaten zu tun. Ich hatte ein Schattenreich betreten, das mich unerbittlich verdaute. Auf dem Herd kochte eine dickflüssige Pampe. Ich hörte das Blubbern und dachte an Pudding. Das Röcheln krallte sich in meine Beine. Ich ruderte mit den Armen auf der Suche nach einem Gegenstand, mit dem ich mich verteidigen konnte, strich über den Küchentisch, warf Flaschen um, schob Geschirr über die Platte, bis es an den Seiten herunterklirrte. Ich ergriff ein Messer. Wenn man vom Heft auf die Klinge schließen durfte, dann war ich gerettet. Blut tropfte mir vom Kinn. Ich streckte das Messer in Richtung der Kreatur zu meinen Füßen und wartete. Sollte ich, durfte ich, konnte ich stechen? Etwas oder jemanden? Auf dem Ofen zerplatzten träge Breiblasen. Vanillepudding. So, wie ihn meine Großmutter früher selbst gemacht hatte. Er war immer etwas blasser als der Gekaufte. Ihm fehlten die Lebensmittelfarben. Richtig bleich war der. Beim Aufkochen machte er genau diese Blubbergeräusche. Wenn er abkühlte, bildete sich eine Haut obendrauf. Ich erbrach mich.
»He, was ist das denn für eine Scheiße«, fragte eine fragile Stimme und entließ meine Beine aus ihrem Griff. Eine Bogensehne schnellte durch mich hindurch und riss meine Angst mit sich fort. Offensichtlich hatte ich auf eine Frau gekotzt und nicht auf eine Chimäre aus jener Unterwelt, nach der diese Wohnung roch.
Ich legte das Messer behutsam beiseite, tastete nach dem Fenster, drehte den Knauf. Eine Herbstböe stürzte in den Raum und teilte den Nebel, der im Licht der Straße verwirbelte, verwehte und den Blick auf Einzelheiten preisgab: Ein riesiger Topf, aus dem immer neuer Dampf quoll, bedeckte alle vier Platten des Herdes. Poster, die sich tropfnass von den Wänden schälten. Pflanzenteile, die auf der Arbeitsplatte verteilt lagen. Meine Nase hämmerte sich schmerzhaft in mein Bewusstsein.
Unvermittelt erhellte grelles Licht den Raum. Meine Augen tränten. Mein Bruder stand nahezu nackt, nur mit einem sackartigen Poncho bekleidet, in der Küchentür. Sein Blick ruhte auf mir wie einst der des Gorillas. Nur milder. Er lächelte sanft. Svens Blick glitt an mir herunter und ich folgte mit meinem. Vor mir kauerte eine verschwitzte, nackte Frau, die sich gedankenverloren mein Blut und mein Erbrochenes aus den Haaren strich.
»Renate, kommst du bitte«, sagte mein Bruder und wandte sich ab, um in den Flur zu gehen, »ich möchte dich ficken.«



sehr schön, ich wunder mich blos wie viele wasserpfeifen es braucht um diese feuchte zu erreichen? =)
Wirklich stark! Viele Sätze wären tauglich für mein Literaturprojekt “SätzeSammeln”