Meine erste Zigarette habe ich im Alter von zehn Jahren probiert. Ich kam nicht einmal bis zur Hälfte. Ein Lungenzug schickte mich ohnmächtig auf den Waldboden, wo die Kippe das trockene Sommerlaub entzündete und mich beinahe das Leben gekostet hätte, wenn meine Spielkameraden mich nicht beherzt aus der Brandzone gezerrt hätten. Raucher sterben früher.
Dieser mißlungene Einstieg hätte mir die Droge Nikotin für immer vergällen können, doch das Rauchen war zur Zeit meiner Jugend chic und gesellschaftsfähig. In der Schule, im Sportverein – überall blauer Dunst. Einzig die Mädchen aus dem katholischen Liturgiekreis hatten die Hybris, mit gelegentlichen Wasserpistolenangriffen ihre militante Zigarettenfeindlichkeit zu demonstrieren und aus kopierten Pamphleten gegen eine angeblich böse Tabakindustrie zu agitieren. Alle lachten über sie. Ich auch. Denn während ich einerseits mein Kindheitstrauma noch in den Knochen hatte, beneidete ich andererseits die Raucher um ihre lässigen Posen. Was hätte ich dafür gegeben, mich beim Warten auf ein Date nicht mit den Händen in den Hosentaschen an meinem Halbsteifen festhalten zu müssen, sondern an einer Kippe, die ich bei der Ankunft meines Rendevouz nonchalant in ein vorbeifahrendes Cabrio hätte schnippen können. Doch der Tabak wollte mir nicht schmecken. Jeder Zug, den ich zu Trainingszwecken nahm, erzeugte Übelkeit, hinterließ einen ausgeprägten Spuckreiz. Das war nicht sexy. Der einzige Weg, mir überhaupt eine Zigarette schmackhaft zu machen, war, sie zur Hälfte mit Marijuana zu füllen. Mit dem unbeschwerten Genuß meiner rauchenden Vorbilder hatte das freilich nichts zu tun. Die Fluppe diente nur als Vehikel zum einem Drogenkick. Irgendwann gab ich das Kiffen aus beruflichen Gründen auf, da ich vor zwölf Uhr Mittags aufstehen mußte. So geriet das Rauchen wieder aus dem Fokus meiner Aufmerksamkeit.
Einen neuen Anlauf nahm ich vor etwa zehn Jahren, als ich auf einem verlassenen Kneipentisch eine noch fast volle Schachtel Zigarillos fand. Ich paffte erst etwas lustlos an einem herum, vorsichtig und zurückhaltend, denn nur ein Irrer würde solches Kraut auf Lunge ziehen. Dann stellte ich fest, daß sich die Umgebung damit aufsehenerregend zuqualmen ließ. Es war phantastisch. So viel Wirkung ohne unangenehme Nebenwirkungen! Ich mußte auch nicht mehr den jugendlich dynamischen Sportraucher geben, mein fortschreitendes Alter erlaubte mir, die Haltung des Rollkragenpulliträgers im Ohrensessel anzunehmen, was mich konsequenterweise auf Zigarren brachte. Diese Entwicklung machte ich in weniger als einer Woche durch, quasi ein sozialer Statuswechsel über Nacht. Eine weitere Woche dauerte es, bis ich feststellte, daß durch den Qualm alles gelb wurde: Die Tapeten, die Seiten meiner Bücher, das Haar meiner Freundin. Es war widerlich. Wieder einmal war ich mit dem Rauchen am Ende, wieder einmal teerte ich eine Sackgasse. Sollte es, verdammt nochmal, mein Schicksal sein, als jämmerlicher Nichtraucher vor mich hin zu vegetieren, bis ich kerngesund an Altersschwachsinn krepiere?!
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Die fortschreitende Kriminalisierung der Tabakgenießer bescherte mir einen neuen Ansatz, einen politischen. War es nicht erste Bürgerpflicht, sich mit der drangsalierten Minderheit zu solidarisieren? Während sich der unreflektierte Konsumraucher dem Druck der Gesetze und der Krankenkasse beugte, erhob ich mich und zog los, um mir die erste eigene Schachtel Zigaretten meines Lebens zu kaufen.
Im Bioladen wurde der Tabak diskret als Bückware unter der Kassentheke verwahrt. Das gesamte Personal rauchte, was aber streng geheim war. Die schlechte Presse der Tabakindustrie sollte nicht die guten Lebensmittel beflecken. Meine unbefangene Frage, wer mich beraten könne, da ich mir das Rauchen angewöhnen wolle, verursachte entsprechende Irritationen. Eine Kundin verlor auf der Stelle die Toleranz, die sie sich mit einem Taz-Abo gekauft zu haben glaubte. Ihr Gesicht verschwand in einer Zornesspalte. Die Verkäuferin nestelte nervös eine Packung der Bioladen-Hausmarke hervor: “Ohne chemische Zusatzstoffe”. Das war gut, denn ich wollte nicht medikamentenabhängig werden. Wein oder Käse hätte man im Geschäft verkosten dürfen … Ich fragte lieber nicht und verließ mich auf ihre Empfehlung.
Draußen zündete ich mir eine an. Mein Geschmack war gereift, die Zigarette schmeckte. Endlich. Stolz bließ ich den Rauch in den Himmel. Eine Frau mit Kinderwagen wechselte die Straßenseite. In einem Park bewarfen mich Rentner mit Steinen. Ich flüchtete in einen Hinterhof, wo ich mich zu einer Gruppe konspirativer Raucher stellte. Sofort verschwanden sie in den Häusern. Als ich die Kippe austreten wollte, raste ein Gefängniswagen heran. Ich wurde zu Boden geworfen und gefesselt. “Raucher fügen sich und ihrer Umwelt schwere Schäden zu”, predigte eine Stimme. Sie gehörte einem der Mädchen aus dem Liturgiekreis. Es war alt geworden und hatte die Wasserpistole gegen einen Medi-Schocker getauscht. Damit sollte mein Suchtzentrum zerstört werden. Ich würde nie ein Raucher. Das Mädchen trieb die Elektrode in mein Gehirn. Ich scherzte: “Suchtzentrum, nicht Lustzentrum, wenn ich bitten darf”. Sie lächelte mild. Dann schaltete sie den Strom ein.
Bildquelle: flickr.com – Urheber: Falk Lademann – Lizenz: cc by 2.0




Ich musste gerade herzhaft lachen, denn einen so interessanten und lustigen Artikel zum Thema Rauchen habe ich noch nie gelesen :). Respekt dazu! Leider bin ich Raucher geworden und musste Jahre kämpfen bis ich es dann schlussendlich doch geschafft habe. Von daher: Fangt gar nicht erst an mit dem Qualmen!