
Das Letzte, was Schweinert jetzt gebrauchen konnte, war ein weinender Neger. Schweinert stand hinter der Kasse seines Ladens und beobachtete den Schwarzen, der über der Kühltruhe zusammengesunken war und heulte. Schweinerts Frau saß neben der Tür und tat so, als ob sie strickte, während sie jeden musterte, der das Geschäft betrat oder verließ. Besonders die Neger. Jetzt, im Frühjahr, kamen sie wieder raus. Den Winter über trauten sie sich kaum aus ihren Wohnheimen, aber sobald es wärmer wurde, schwärmten sie aus und trieben sich im Laden herum. Wie die Mehlmotten. Schweinert schlug eine tot. Sie hatte auf einer Keksdose gesessen. Es war nicht einfach, sie zu erwischen, ohne das Regal leerzufegen. Schweinert hatte Übung. Jeden Frühling aufs neue plagte er sich mit den Schädlingen herum, deren Larven sich durch die kleinsten Öffnungen in Gefäße und Tüten zwängten und deren Inhalt unverkäuflich machten. In allen Ecken hatten die Schweinerts schon die Puppen gefunden, hatten die Schränke mit Essig ausgewaschen, vergeblich. Sie wurden der Plage nicht Herr.
Der Schwarze hatte sich etwas beruhigt und schaute hilfesuchend zu Schweinert.
“Der will was”, sagte Schweinerts Frau.
“Ich glaube, dem ist Geld hinter die Truhe gefallen”, sagte Herzkamp vorsichtig. Herzkamp stand immer vor der Kasse und trank Bier.
“Halt’s Maul”, sagte Schweinert und hielt Ausschau nach Mehlmotten.
“Ist Euros”, rief der Afrikaner und zeigte hinter die Kühltruhe.
“Ist Pech”, rief Schweinert zurück.
Der Schwarze fing wieder an zu weinen. Schweinert verdrehte die Augen.
“Die Afrikaner sind empfindlich”, sagte Herzkamp, machte eine Pause, um Bier zu trinken und ergänzte: “Die haben ganz schön was hinter sich.”
“Jaja”, seufzte Schweinert, “jeder hat sein Päckchen zu tragen.”
Seine Frau nickte. Herzkamp schaute in sein Bier.
Der Schwarze unternahm vergebliche Versuche, die Kühltruhe von der Wand zu rücken. Schweinert beobachtete es amüsiert, weil er wußte, wie schwer die gut befüllte Truhe war. Allerdings machte er sich Sorgen um die Zierleisten aus Plastik, an denen der Schwarze zupackte.
“Ey”, rief er dem Schwarzen zu und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung eines anderen Afrikaners, der draußen vor dem Schaufenster saß, was Schweinerts Frau nicht gut haben konnte, weil davon die Scheibe verschmiert wurde. “Frag doch mal deinen Freund, ob der dir hilft.”
“Kenne nicht”, rief der Schwarze an der Kühltruhe, “der Angola, ich Burundi”, und zerrte erfolglos weiter.
“Die kriegt der alleine nie bewegt”, war sich Herzkamp sicher.
“Wieviel Euro?” fragte Schweinert.
“Zehn”, zeigte der Schwarze mit den Fingern an.
“Also fünf, wenn überhaupt”, sagte Schweinerts Frau, die jeden Trick kannte.
“Meinst du, ich geb dem was?” fragte Schweinert vorwurfsvoll. “Dann werden wir den ja nie wieder los.”
Herzkamp knibbelte am Etikett seiner Bierflasche. “Habt ihr eigentlich hinter der Truhe auch nach Mehlmotten gesehen?” fragte er.
“Nö”, antwortete Schweinert und legte die Stirn in Falten.
“Da müssten wir sie ja ausräumen, so schwer wie die ist”, gab Schweinerts Frau zu bedenken.
“Das geht doch schnell”, sagte Schweinert, “mit dem Neger und Herzkamp sind wir vier. Also, hopp hopp”.
Woraufhin sich Schweinert, seine Frau und Herzkamp erhoben und zur Kühltruhe gingen. Der Schwarze hörte auf daran zu zerren und wich einige Schritte zurück zwischen die Regale.
“Komm mal her, helfen”, wies Schweinert ihn an.
Schweinerts Frau holte Eimer und Kunstoffwannen für das Gefriergut, und als der Afrikaner sah, daß die Truhe ausgeräumt wurde, klopfte er Schweinert auf die Schulter und half mit, bis sie leicht genug war, um sie zusammen mit Herzkamp vorsichtig von der Wand abzurücken. Frau Schweinert stand mit einer Flasche Essig und Putzlappen für den Mehlmotten-Einsatz bereit. Und siehe da, kaum war die Truhe soweit vorgerückt, daß man bequem dahinter gehen konnte, fand sich zwischen einigen Spinnweben und Staubfusseln ein Zehn-Euro-Schein, den der Schwarze nahm und an sich drückte. Er schüttelte allen Beteiligten die Hände und rief dabei immer wieder “Dank, dank, dank”.
Von Mehlmotten oder deren Puppen – keine Spur. Schweinert und seine Frau schauten Herzkamp ratlos an. Herzkamp zuckte mit den Schultern. Der Schwarze schob die Truhe alleine zurück an die Wand und beeilte sich, sie wieder zu befüllen. Als er fertig war, legte er seinen Geldschein auf den Kassentisch und sagte “Fünf Bier”, während er zur Bestätigung mit einer Hand die Zahl “Fünf” anzeigte. Eine Flasche für Schweinert, eine für Schweinerts Frau, eine für Herzkamp, eine für sich, und die fünfte spendierte er vor der Tür dem fremden Angolaner.
Schweinert räumte kopfschüttelnd die Eimer nach hinten, seine Frau machte sich draußen an der Scheibe zu schaffen. Herzkamp holte eine Hand voll Larven aus der Tasche und warf sie hinter die Regale. Dann steckte er einen Schokoriegel ein und ging nach Hause.



Jetzt musste ich doch glatt ein bisschen weinen.
Sehr schöne Geschichte! Respekt!
Muss los, Mehlmotten besorgen.°)
soloezistische Grüße