Mein erster Kopfball

Mein erster Kopfball

Als Elfjähriger verdient man sich den Respekt Gleichaltriger nicht, weil man gerne liest, oder weil man Klavierspielen kann oder Astrophysiker werden möchte. Ein Junge in diesem Alter muss ein guter Fussballspieler sein. Wenn er das nicht ist, ist er auch nur mit anderen Jungs befreundet, die ebenso schlechte Sportler sind wie er selbst, und er gehört damit unweigerlich zur ersten Randgruppe seines Lebens.
Ich erfüllte damals sämtliche Anforderungen an eine Niete: Ich war linkisch und spindeldürr, und meine mädchenhafte, runde Brille wies mich als einen beles­enen Schwächling aus, der unmöglich einen Lederball köpfen konnte ohne grösseren Schaden für sich oder seine Mannschaft herbeizuführen. Zudem war ich grundsätzlich zu zauderhaft und hatte auch kein Gespür für jene taktischen Feinheiten, durch die vielleicht das eine oder andere körperliche Handicap ausgewetzt worden wäre. Selbst in den Sammelbildalben zu den Weltmeister­schaften fehlten mir die wirklich guten Spieler, die Stars. Nie zierte ein Maradonna mein Album, und Paul Breitner schnitt ich in meiner Not einmal aus der Zeitung heraus, damit ich wenigstens die deutsche Mannschaft vollständig einkleben konnte – ein ebenso verzweifelter wie fadenscheiniger Betrug.
Trotzdem trieb mich die Angst vor gesellschaftlicher Isolation immer wieder hinaus auf den Bolzplatz, wo ich mich meistens unmittelbar nach der Schule einfand, wenn sich die Streber daheim den Hausaufgaben widmeten und ich nicht fürchten musste, in einem Überangebot an unfähigen Spielern unterzu­gehen. Die schwerste Demütigung lauerte jedoch schon vor Spielbeginn auf mich: Die Zusammenstellung der Mannschaften. Sie vollzog sich nach einem klassischen Ritual. Die beiden stärksten Spieler, die nicht im gleichen Team sein durften, wählten als Kapitäne abwechselnd aus den Umstehenden ihre Mitspieler aus. Je später man gewählt wurde, desto schlechter war man, und ganz zum Schluss, wenn mein Spielführer mir mit einer gequälten Geste an­deutete, das er mich aus purer Nächstenliebe in seine Mannschaft aufnahm, freuten sich unsere Gegner mit einem hämischen “Ihr kriegt Micha”. Zu Beginn eines jeden Spiels flackerte gewöhnlich noch ein mattes Flämmchen Ehrgeiz in mir auf. Dann bemühte ich mich einige Male erfolglos um den Ball, bis mir meine eigenen Mitspieler genervt andeuteten, das ich nicht länger herumpfuschen und den Spielaufbau stören sollte. Bevor es also Beschimpf­ungen hagelte, zog ich mich lieber vom aktiven Spielbetrieb zurück und begab mich direkt vor das gegnerische Tor, wo ich auf Achim aus Amerika traf, der sich seinen Beinamen dadurch verdient hatte, dass er jeden Morgen zehn Minuten zu spät zum Unterricht kam, obwohl er im Haus unmittelbar neben der Schule wohnte. Achim aus Amerika war ein ebenso schwacher Fussballer wie ich, der sich gleich zu Spielbeginn an einen Pfosten des eigenen Kastens lehnte und seinem Torwart müde erklärte: “Ich mache den Ausputzer”.
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Mit Achim stand ich auch an jenem sonnigen Samstagnachmittag zusammen, als ihr Spaziergang meine Eltern an unserem Fussballplatz vorbeiführte. Ich hatte sie schon frühzeitig erkannt und gab mir redliche Mühe, sie zu übersehen. Etwas peinlicheres konnte einem ja kaum widerfahren, als in aller Öffentlichkeit von seinen eigenen Eltern besucht zu werden. Meine Mutter winkte mir albern zu, Vater rief meinen Mitspielern jovial einige Fussballweisheiten zu. Das Spiel musste sogar kurz unterbrochen werden, weil meine Eltern in ihrer Ignoranz das Spielfeld betraten und den verstörten Achim aus Amerika per Handschlag begrüssten, weil sie ihn für einen engen Freund von mir hielten. Aus Scham wäre ich beinahe ohnmächtig geworden, während die anderen Kinder sich gebärdeten, als seien sie Vollwaisen und schon längst der Notwendigkeit elterlicher Fürsorge entwachsen. Als das Spiel endlich fortgesetzt werden konnte, gingen meine Eltern nicht etwa ihres Weges, sondern blieben am Spiel-feldrand stehen, um zuzuschauen. Vermutlich wollten sie mir damit eine Freude machen. Vater versuchte immer wieder, mich mit Rufen wie «Vorwärts!» oder «Hol dir die Pille!» anzufeuern. Er wollte wohl nicht begreifen, dass sein einziger Sohn der unfähigste Trottel auf dem Rasen war und er diesen Eindruck mit seinem Auftritt auch noch verstärkte.
Indes hatte das Spiel an Dynamik gewonnen und meine Mannschaft konterte über den linken Flügel. Normalerweise ging mich sowas nichts an, sie wurden ja ganz gut ohne mich fertig. An diesem Tag kam hinzu, dass ich von meinen Eltern abgelenkt wurde und mich darauf konzentrierte, sie möglichst schnell zu verscheuchen. Auf jeden Fall hatte ich die astreine Flanke nicht bemerkt, die aus vollem Lauf in den Strafraum getreten wurde. Als der Ball mir mit Wucht vor den Hinterkopf donnerte, hüpften meine Eltern durch die Gegend wie Flummis in einem Schuhkarton, dann wurden sie komplett unscharf. Ich ging benommen zu Boden und nutzte die Gelegenheit, um auf allen Vieren nach meiner Brille zu tasten, während meine Mitspieler jubelten «Tor, Tor». Das Leder war, von meinem Schädel abgelenkt unhaltbar am gegnerischen Torwart vorbeigerauscht Als ich meine Brille wiedergefunden hatte, konnte ich sehen, wie die gegnerischen Spieler kopfschüttelnd verzweifelten. Lediglich Achim aus Amerika klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Er war wohl einfach froh, dass ich vor ihm gestanden hatte. Meine Eltern riefen mir applaudierend ihre Glückwünsche zu und setzten endlich ihren Spaziergang fort. Mein Vater nahm die Illusion mit, sein einziger Sohn habe für seine Mannschaft einmal ein prima Tor geköpft. Er erzählte noch jahrelang davon. An jenem Tag wurde auf unserem Bolzplatz die Abseitsregel eingeführt. Ich durfte nicht mehr das ganze Spiel hindurch vorm gegnerischen Tor rumhängen und erklärte mich deshalb zum Libero, um es an einer beliebigen anderen Position tun zu können, womit ich mich nicht unbedingt beliebter machte. Trotzdem war ich seitdem beim Wählen immer der Vorletzte.

Veröffentlicht:
Das Heft, das seinen langen Namen ändern wollte – 5-6/2000
Cognac & Biskotten – Das Tiroler Literaturmagazin – Nr. 17 / 2003


Bildquelle: Fotolia.de – Foto: Mirko Meier

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