Das saubere Grün

Das saubere Grün

Er will eine Meldung. Wir sind ja nicht an der Universität, wo man einfach reinstiefelt und rumlabert. Eine knappe, ordentliche Meldung, die kann er doch erwarten. Füße parallel, die linke Faust außen an der Hosennaht des linken Oberschenkels, die rechte Hand geöffnet, als Verlängerung des angewinkelten Unterarms, zum militärischen Gruß auf die rechte Schläfe deutend. So sehe ich aus, wenn ich ihm melde. Herr Feldwebel, Gefreiter Brückner meldet sich wie befohlen. Dann blickt er zufrieden drein und sagt mir, ich solle mein Auto waschen. Mein Auto ist grün. Es ist aber nicht so grün, wie eine Wiese grün ist, oder ein Apfel. Es ist von einem beklemmenden Grün. Mein Auto habe ich bereits gestern gewa­schen und auch vorgestern. Ich wasche es jeden Tag, obwohl es nie wirklich schmutzig wird. Nur einmal war es eine Woche lang dreckig, weil Krieg war. Da habe ich den Feldwebel damit Tag und Nacht herumgefahren, und er hat immer geschrien, es sei Krieg. Zwischendurch ist er ausgestiegen und hat Kaffee getrunken und gelacht. Dann ist er wieder eingestiegen und hat weitergeschrien. Dabei ist das grüne Auto ganz dreckig geworden. Heute soll mir der Schröder beim Waschen helfen. Der Schröder und ich sind auch grün. Aber nur im Dienst. Abends reißen wir uns das Grün vom Leib, als würde es brennen. Es brennt auch. Nach dem Waschen sollen wir noch das Getriebeöl überprüfen. Das haben wir schon seit dem Krieg nicht mehr gemacht. Wir bocken das Auto auf, aber die Kontrollschraube sitzt zu fest. Sie läßt sich nicht lösen. Da kommt der Feldwebel. Geht nicht gibts nicht. Er nimmt das Werkzeug und legt sich unter das Auto. Er wird es uns schon zeigen. Als das Auto wackelt, schaut der Schröder mich an. Ich sehe es aus den Augenwin­keln. Der Wagenheber steht wohl schief. Als er umfällt, senkt sich das Auto auf den Feldwebel nieder. Es drückt seinen Kopf und seinen Oberkör­per fest in den Schmutz. Er sagt nichts, er schreit nicht einmal. Es ist ja auch kein Krieg. Er zappelt nur mit den Beinen. Der Schröder und ich versuchen, das Auto anzuheben. Es rührt sich keinen Zentimeter. Ich strenge mich ja auch nicht an. Jetzt sehe ich, daß der Schröder lacht. Ist doch wirklich zu lustig, wie der Feldwebel mit den Beinen im Dreck zappelt. Recht unmilitärisch. Ich lache mit dem Schröder zusammen, und wir halten uns am Auto fest, damit wir nicht auch noch umkippen. So können wir lachen, der Schröder und ich. Als die Beine vom Feldwebel mit dem Zappeln aufhören, ist seine grüne Hose ganz dreckig. Ob jetzt Krieg ist, frage ich den Schröder. Nein, sagt der Schröder, jetzt ist Frieden. Dann gehen wir weg, denn wir müssen etwas melden.

Veröffentlicht:
LIMA – Literaturmagazin des BVjA – Herbst 2000
Zeitriss – Blätter zur Sprachbewegung – Heft 2/99
Zeichen & Wunder – Heft 36, Juli 1999


Bildquelle: Wikimedia Commons – Foto: Pixelfire – Lizenz: cc by sa 3.0 unported

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird niemals veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>