Herzlichen Glückwunsch, und danke fürs Anrempeln, Helmut Kohl!
19. Januar 2010 von Michael Stein | 2 Kommentare
Diese Wochen sind Helmut-Kohl-Wochen. Vor zehn Jahren hat er den Ehrenvorsitz der CDU niedergelegt. Der Rowohlt Verlag präsentiert eine weitere Biographie. Im April wird Kohl 80. Ich gratuliere schon mal vorher.
“Es ist egal, aber”, fragen sich nun jene jungen Leute, denen Kohl einmal “die Gnade der späten Geburt” unterstellt hat, wer ist Helmut Kohl überhaupt? Nun, ich bediene mich eines Bildes: Helmut Kohl kommt dabei raus, wenn ihr versucht, die Arroganz der Macht aus drei Zentnern Hefeteig zu kneten. Ich weiß es, denn er hat mich einmal angerempelt.
Der deutsche Juni 1988 war eine Insel der Glückseligkeit im Meer der Zeit. Spektakuläre Attentate auf Politiker waren erst für 1990 terminiert, die terroristischen Anschläge der RAF wurden von den Geheimdiensten so ausgeführt, daß nur Leute zu Schaden kamen, die eh’ nicht mehr gebraucht wurden. Deshalb konnten Politiker unbedenklich das Bad in der Menge nehmen und, im Gegenteil, selbst die Bevölkerung drangsalieren.
Jemand aus meiner Familie war durch Korruption in den Besitz von Pressekarten für das Eröffnungsspiel der Fußballeuropameisterschaft im Düsseldorfer Rheinstadion gelangt. Auf den Plätzen neben mir texteten allerhand verletzte oder ausgemusterte Fußballstars Interviews und Kommentare zum Spiel in die Mikrofone der Journalisten. Nicht minder interessant war der Block über mir, auf dem die Ehrentribühne mit Politikern und Funktionären bestückt war, die ich zuvor nur aus dem Fernsehen kannte. Helmut Kohl sah ich mysteriöserweise nicht. Das nachfolgende Ereignis wäre dadurch auch nicht verhindert worden, denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt nocht nichts über seine Gefährlichkeit. Ein Jahr zuvor hatte ich bei der Bundestagswahl meine Stimme der CDU gegeben, das kann ich heute, viele Jahre und Therapiesitzungen später, offen zugeben. Ich war ein naiver Junge, der seine erste Wahlberechtigung mit Füßen trat, indem er unbedacht den Mann zum Kanzler wählte, den auch seine Eltern für den Richtigen hielten: Helmut Kohl.
Vermutlich sähe die Welt anders aus, wenn jeder Mensch die Folgen seines Urnenganges so unmittelbar am eigenen Leib spüren würde wie ich: Als ich nach dem Fußballspiel über den Vorplatz des Rheinstadions schlenderte, erbebte plötzlich die Erde und es ereilte mich ein dumpfer Schlag, der mich taumeln ließ. Ich drehte den Kopf in der Erwartung, die Stirnlampe der Straßenbahn zu sehen, die mich angefahren hatte. Stattdessen sah ich Helmut Kohl. Hoch wie der Nanga Parbat, breit wie die Ostfront. Er sah auch mich an. Und schwieg. Kein Wort. Kein Sorry. Dann ging er weiter. Einer seiner drei Personenschützer, die besser daran getan hätten, andere Personen vor Kohl zu schützen, schob mich beiseite und zeigte dabei die souveräne Größe, die ich vom Kanzler selbst erwartet hätte: Er sagte “Pardon”. Doch Helmut Kohl plante bereits seine nächste Tat. Er zog weiter Richtung Deutsche Einheit. Auf diese Weise wachgerüttelt begann meine politische Menschwerdung, ich wurde linksliberal. In diesem Licht betrachtet, muss ich dem Mann dankbar sein.



1. Walter Peins
Kommentar vom 20. Januar 2010 um 21:20
Sie haben keine Manieren, wenn sie jemandem verfrüht gratulieren. Das bringt dem Jubilar Unglück.
2. Michael Stein
Kommentar vom 20. Januar 2010 um 21:45
Wusste ich leider nicht. Das hätte ich ja schon viel früher als Waffe einsetzen können.